Gesichter der Garasia

An diesem Morgen werden wir in einem Jeep in die Dörfer des Garasia-Stammes gefahren. Der Weg führt durch quer durch Flussbetten, die so kurz nach dem Monsun noch gut Wasser führen. Wir sind die ersten Gäste in der Trockenzeit, die es wieder schaffen, den Fluss zu durchqueren.

Es gibt einigen Gegenverkehr. Wer glaubt, das es Gerüchte seien, das 57 Leute in einen Jeep passen, der wird hier eines besseren belehrt. Ich komme auf 35 Leute und es ist noch Platz außen. Der Prinz hatte gestern erzählt, das derzeit die Jeepfahrer streiken, weil sie einerseits aufgrund der niedrigen Preise gezwungen sind, viele Leute mitzunehmen, andererseits aber, falls einer der Stammesmitglieder zu schaden kommt, 1,5 Mio. Rupien (1 EUR = 54 Rupien) zahlen sollen, was niemand bezahlen kann. Es sind daher derzeit viel weniger Jeeps unterwegs als sonst.

Wir besuchen eine kleine Ortschaft, wo drei oder vier Gehöfte nebeneinander stehen und schauen in einen der Höfe hinein. Ein kleines Geschäft mit winzigem Angebot. Vater und Frau, Schwiegertochter und Großmutter und ein paar Kinder sind da. Noch viel mehr Kinder stehen draußen vor dem Tor und schauen neugierig hinein. Und kriegen ordentlich ‘was geboten. Zum einen die weißen Leute, die zu Besuch sind. Und die haben auch noch was dabei. Ich bloß Bonbons, aber Bärbel hat Luftballons mitgebracht und Elfi – und das ist der Hit bei den Kiddies – Seifenblasen. Lautes Gekicher und scheues Zurückweichen: Was ist denn das? Dann fangen sie an nach den Seifenblasen zu schlagen und zu greifen und haben einen riesigen Spaß. Und wir auch.

Im nächsten Hof ist kein Erwachsener daheim und wir gehen gleich wieder hinaus. Ich fotografiere Hühner und Ziegen und habe sofort einen Traube Kinder, die auf das Display gucken wollen. Ich hätte ihnen ja gerne mehr geboten, aber … wir müssen weiter ;-(

Auf dem Rückweg kommen wir an einem Haus mit einem älteren Ehepaar vorbei. Elfi hatte den alten Herrn schon gefragt und ich habe mich dann gleich auch zum Fotografieren angestellt. Erst ihn selbst. Er hatte übrigens quadratische Augen (ich nehme mal an grauer Star)! Dann porträtiere ich seine Frau. Beide schauten ernst in die Linse – wie die meisten Inder. Erst als ich ihm dann das Bild seiner Frau zeigte, fängt er an zu lächeln.

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Am letzen Gehöft ist nur eine Mutter vor Ort, vor der Tür fliegen irgendwelchen blauorangenden Insekten. Hinten drin ein Kaufmannsladen. Und eine Ziegenmutter mit neu geborenen Zicklein. Das kleinste hat noch die Nabelschnur und ist noch nicht trocken geleckt, und steht auf schwankenden Beinen. Es kann höchstens eine viertel Stunde alt sein.

Nach einer kurzen Siesta und Mittagessen im Palast geht es zu Fuß hinein in das Handwerkerviertel von Poshina. Die Schmiede sind gut beschäftigt. Messer, Lanzen und Pfeilspitzen für die Stammesmitglieder. Und eine Geissel?! Heute ist der letzte Tag von Navratri, ein großes Fest und – tja – auch der Hinduismus hat ein paar Ausartungen. Nein, das habe ich mir nicht angesehen. Zum Glück fehlte die Möglichkeit. Und mir war auch nicht danach.

Diese Gegend ist außerdem anscheinend noch nicht wirklich befriedet. Pfeile und Lanzen werden in örtlichen Konflikten eingesetzt. Wie wir später erfuhren, war in einem der Dörfer eine Frau ermordet worden. Ihr Dorf war kurz darauf leer und auf der Suche nach dem Mörder. Das hatte Ravi mitgehört. Wir als Touristen werden in so etwas nicht hineingezogen. Man erzählt es uns nicht einmal.
Stattdessen werden wir “gezwungen” in die Häuser in Poshina hineinzugehen, uns an den Tisch zu setzen und zu fotografieren. Das ist doch ein Zwang, dem ich gerne nachgebe :-)

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Nach Mittag besuchten Bärbel, Elfi und ich die Frau des Prinzen von Poshina. Sie sammelt Schmuck bei den Stämmen und hat auch indische Gemälde und Brokatstoffe. Sie breitet ihre ganze Schmucksammlung vor uns Dreien aus, der Tisch reichte bald nicht mehr, und wir bestaunten den Silberschmuck. Sie sagte auch offen, was nur Modeschmuck sei. Erst hatte ich mich in einen Silberanhänger verguckt, aber da er vergleichsweise teuer war (ich weiß das, weil ich so einen ähnlichen schon mal in Deutschland gekauft hatte), ließ ich es. Stattdessen habe ich dann um Brokatstoff gehandelt (ich kann sowas nicht wirklich gut, aber die Prinzessin war sehr fair).

Des Abends fahren wir mit dem Prinzen und einer italienischen Reisegruppe hinaus aufs Land, hinein in eine steinige, grüne sehenswerte Landschaft. Wieder durch Flussbetten. Immer wieder treffen wir auf Gruppen von Stammesmitglieder, die an Straßenecken oder unter Bäumen sitzen und verhandeln – eigentlich anlässlich des Festes. Wir sahen auch Leute mit Schwertern, dachten aber da noch, es handele sich um ein zeremonielles Kleidungsaccessoire zum Fest. Denn von dem Mord der die Leute derzeit bewegt, erfahren wir ja erst beim Abendessen.

Eigentliches Ziel des Ausflugs waren zwei Opferstätten, an denen riesige Mengen von Terrakottapferden stehen. Dies ist eine örtliche Tradition, sie hat auch viel mit einem Fruchtbarkeitskult zu tun und vermutlich geht sie zurück auf Zeiten vor dem Hinduismus. 30.000 von diesen ca. 50 cm hohen Pferdchen stehen dicht gedrängt auf einem Hügel in der Dämmerung. Eigenartig, diese Stimmung.

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Andere Orte, andere Zeiten, andere Sitten.

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