Voskopoja

Der Markt von Korca, nur gut hundert Meter vom Grand Hotel Palace entfernt, versteckt zwei Hans im Gewühl der Stände. Ein Han ist ein Hof, in denen zur Zeit der Türken Gäste untergebracht wurden. Bei Karl May kommen sie auch vor. Den einen der beiden erkennt man an den Balustraden, den anderen an den geschmiedeten Geländern. Dazwischen verkaufen Sinti und Roma Haushaltswaren und Kleider und Lebensmittel. Ein sehr bunter Markt. Ein Mann fordert mich auf, ihn zu fotografieren. Im Nachhinein eigentlich die klassische Taschendiebsituation, aber er meint es wirklich so, und hat nur die Hoffnung, das ich eine Uhr oder Parfüm kaufe. Und nickt verständnisvoll und freundlich, als ich entschuldigend mit den Schultern zucke, lächle und sage, ich könne leider weder das eine noch das andere gebrauchen.

Unser eigentliches Ziel heute morgen heißt Voskopoja. Diese Stadt war im achtzehnten Jahrhundert die größte Stadt des europäischen Balkans nach Konstantinopel. Davon merkt man heute diesem verschlafenen Dörfchen nichts mehr an. Voskopoja ist Heimat einer albanischen Minderheit – der Aromunen. Ihre Sprache ist eng mit der rumänischen Sprache verwandt. Sie gelten als Nachfahren der Thraker.

Die touristische Attraktion von Voskopoja sind seine Kirchen. Diese standen noch 2005 auf der Liste für die zehn am meisten gefährdetsten Monumente der Welt (warum jetzt nicht mehr, ich konnte darüber nichts finden) und sind wahre Schmuckstücke, die dringend renoviert werden sollten. Ein kleiner Junge bringt uns zur ersten von vieren die wir uns näher ansehen.

Der dunkelgrün gewandete Pope schließt uns einen blauen rauchgeschwärzten Kirchenhimmel auf und erklärt in einem Gemisch aus Französisch und Italienisch, das die Kirche hauptsächlich in der Osterzeit bis Pfingsten genutzt wird und das die Fresken viel von dieser Zeit erzählen. Außen  an der Kirche ist eine Heiligengalerie in Freskenform, von irgendwelchen Idioten (Kriegsfolgen? Hoxha?) mit eingeritzten Namen verziert.

Die Marienkirche – ehemals Bischofskirche, betrachtet wir nur von außen.

Dann geht es über Eselspfaden quer durch das Dorf

und vorbei an einem störrischen Pferd, das den Weg bald zehn Minuten versperrt

zur dritten, St. Athanasios, bei der wir die Aussengalerie auch mal in Ausführlichkeit fotografieren können. Deutschland ist übrigens an der Renovierung beteiligt.


Hinter der Kirche bis hinunter ins Tal liegt ein Friedhof, die Gräber so ausgerichtet, als ob die Verstorbenen die schöne Aussicht bewundern sollen. Unten an einem Grab hat sich eine kleine Gruppe gebildet, der wir uns auf dem Weg hinunter langsam nähern. Da erklingt der Singsang und das Trillern der Klageweiber, dann auf einmal ein herzzerbrechendes Schluchzen als sich der Sarg ins Grab senkt und eine Frau wird von zwei Männern in ihrer Trauer gestützt.

Auf dem Weg hinauf zur letzten Kirche – St. Johannes Prodomos – gewinnen wir Abstand vom gerade erlebten. Bald eine Stunde geht es steil und ohne ein gerades Stück hinauf durch eine Landschaft aus beschatteten Bergen, sonnenbeschienenen Wiesen und Nadelwäldern. Ich bin zwar zufrieden mit meiner Kondition, aber eher hinten an und komme so gerade rechtzeitig, als die Kirche aufgeschlossen wird. Sie ist innen weiß mit beige und in schlechtem Zustand. Und definitiv – so lange wie die Wächterin nach dem Schlüssel gesucht hat – nicht oft von Touristen besucht.

Vier Kilometer von Voskopoja essen wir im Garten eines rustikalen Restaurants zu Mittag. Der junge Bär in seinem viel zu kleinen Käfig diente als Touristenattraktion. Jeder der dies liest und nach Albanien kommt, sollte immer wenn er sowas sieht den Wirtsleuten klar machen, das sowas Tierquälerei ist und keine Attraktion. Aber die Albaner sind anscheinend noch nicht soweit, darauf selber zu kommen.

Das Ikonenmuseum von Korca ist eigentlich das Museum mittelalterlicher Kunst von Albanien und hat mehr als 6500 Exponate in seinen Lagern. Ausgestellt sind davon gut 50, Ikonen aus den Epochen vom 13. bis zum 18. Jahrhundert und ich beginne, Muster zu erkennen.

In der Kathedrale hielt ein einsamer Pope mit nur einer Gottesdienstbesucherin Gottesdienst, schwenkt den Weihrauch vor und hinter der Ikonostase und singt den Ritus. Ich höre ein paar Minuten zu, bevor es Zeit wird fürs Abendessen.

Nach Albanien haben es übrigens mittlerweile auch die Japaner geschafft, sie sitzen zu 40 in der Hotellobby auf ihrem Weg durch den Balkan. Jedes Land zwei Tage. Nun ja.

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